Alice

Szene aus Alice. Foto: Theater Dortmund

Mit einem begeisterten Applaus, der gar nicht mehr enden wollte, entließen die Zuschauer am Samstagabend die Akteure nach der Ballett-Premiere von Mauro Bigonzettis Alice im Opernhaus. Und das vollkommen zu Recht, denn was die Dortmunder Tänzer leisteten, war großartig und oftmals treffender mit dem Begriff Akrobatik beschrieben als mit dem dafür viel zu schlichten Wörtchen Tanz.

Die doppelte Alice

Eine Besonderheit dieser Adaption des alten Lewis-Carrol-Stoffes sticht gleich zu Beginn ins Auge: Es gibt zwei Alices, eine getanzt von Ida Kallanvaara, die andere nicht wie vorgesehen von Jana Nenadovic, sondern von Anna Süheyla Harms von der Gauthier-Dance-Company in Stuttgart. Ihr hat Mauro Bigonzetti die Rolle 2014 auf den Leib geschrieben. Jana Nenadovic hatte sich in der Hauptprobe verletzt.

Süditalienische Volkslieder

Die zweite Besonderheit besteht in der musikalischen Begleitung dieses Abends. Es sind süditalienische Volkslieder, dargeboten von dem Frauentrio ASSURD, der Sängerin Enza Pagliara und dem Musiker Antongiulio Galenandro, der Flöte, Harfe und Akkordeon spielt. Er setze gerne auf Kontraste, so wird Mauro Bigonzetti im Programmheft zitiert, die Gefahr bei dem Alice-Stoff sei ja generell, etwas zu machen, was einfach nur hübsch sei. Mag sein, aber ob zwei so unterschiedliche künstlerische Welten wie erdige und bodenständige, den einfachen Menschen zugewandte süditalienische Volkslieder mit Alices Zauberwelt zusammenpassen, mag dann doch in Frage gestellt sein, auch wenn beides für sich genommen ganz große Kunst ist. Die Gefahr einer gewissen Unentschlossenheit besteht. Auch steht der Gesang zuweilen sehr im Vordergrund: Man kann in einigen Sequenzen den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen Abend mit italienischen Liedern und dazu ein wenig Ballett-Begleitung.

An den Zöpfen aneinandergefesselt

Fantasievoll sind die choreographischen Einfälle: Zwillinge sind an ihren Zöpfen aneinandergefesselt und können nur unter Schmerzen voneinander getrennt werden, der Hutmacher trägt nicht nur auf dem Kopf einen Hut, sondern auch am rechten Fuß.

Beeindruckende Video-Panoramen

Passend zum zauberhaften Stoff sind die großformatigen Video-Einspielungen von Carlo Cerri (OOOPStudio) im Bühnenhintergrund. Sie zeigen mal den prächtig ausstaffierten Saal in einem Palast, mal die Türen, durch die die doppelte Alice gehen muss, mal eine mysteriöse Unterwasserwelt und mal abstrakte Strukturen in Jugendstil-Optik. Aber auch hier gilt: Was haben solche grandiosen Panoramen mit süditalienischen Volks- und Kinderliedern zu tun, die einen eher an das einfache und harte bäuerliche Leben in längst vergangenen Zeiten irgendwo auf dem Lande denken lassen?

Insgesamt ein Abend, der zu keiner Zeit langweilig wird, aber bei dem man sich am Ende doch fragen muss, ob die beiden Kunstformen nicht vielleicht doch etwas zu weit auseinanderliegen.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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