Biedermann

Biedermann und die Brandstifter: Türkises Familienleben mit schwarzen Verbrechern: Frauke Becker, Max Thommes, Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Alexandra Sinelnikova. Foto: Hupfeld

Das Schauspiel ist zurück am Hiltropwall. Und bei der (natürlich) ausverkauften Premiere von Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451 am Samstagabend war allen Beteiligten die Freude darüber anzumerken.

Bei der Einführung im Institut sagte Schauspielchef Kay Voges, ihm sei ein Schauer über die Haut gelaufen, als der Eiserne Vorhang im Schauspielhaus erstmals nach über zwei Jahren wieder nach oben ging. Ab sofort müssen die Schauspieler nicht mehr auf Betonboden und in zugigen und kalten Hallen proben und auftreten. Sie haben eine vernünftige Beleuchtung und eine Drehbühne. Und sie müssen nicht mehr schreien und ihre Stimmbänder belasten, denn im Megastore in Hörde gab es keinen irgendwie gearteten Resonanzkörper. Das Spielen sei immer wie Open-Air gewesen, so Voges.

Biedermann, verknüpft mit Fahrenheit 451

Und Gordon Kämmerers Inszenierung des bekannten Max-Frisch-Stoffes aus den 50er-Jahren, den er geschickt mit Ray Bradburys ebenso bekannter Zukunftsvision – ebenfalls aus den 50er-Jahren – verknüpft hatte, machte der Neueröffnung alle Ehre. Es ist schier unglaublich, mit welcher Kreativität, mit welcher Spielfreude und auch mit welchem Können die Akteure auf und hinter der Bühne den Stoff umsetzen und welche grandiosen Bilder sie dabei erzeugen. Das ist um Klassen besser und einfallsreicher als beispielweise die Biedermann-Inszenierung Anfang 2017 am Schauspielhaus Bochum.

Erste Szene als perfekte Choreographie in Türkis

Das beginnt schon mit der ersten Szene: Ekkehard Freye, Alexandra Sinelnikova und Frauke Becker haben eine Art Choreographie eingeübt, wie man sie auch im Ballett sehen könnte. Damit zeigen sie in einem komplett in Türkis gehaltenen Ambiente (Bühne: Matthias Koch, Kostüme: Josa David Marx) deutlich, wie immer gleich, wie stupide und langweilig ihr Alltag ist. Alexandra Sinelnikova, geboren 1994, ist neu im Ensemble. Sie hat zuvor an der Hochschule für Musik und Schauspiel Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig Schauspiel studiert. Frauke Becker, geboren 1997, gehört eigentlich zum Jugendclub des Schauspiels, den Theaterpartisanen. Aber sie sei durch ein unglaubliches Gefühl für Rhythmus aufgefallen, so Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz in der Einführung, deshalb stehe sie nun auch in dieser großen Produktion auf der Bühne. Zu Recht: Sie macht ihre Sache genauso hervorragend wie die etablierten Schauspieler.

Das eintönige Familienleben ändert sich, als die beiden ganz in Schwarz gekleideten Brandstifter Schmitz und Eisenring (Björn Gabriel und Max Thomes – Letzterer ist auch für musikalische Gestaltung des gesamten Abends zuständig) die Szenerie betreten, und das Drama seinen bekannten, feuergefährlichen Verlauf nimmt.

Keine Pause

Nach gut einer Stunde geht der Eiserne Vorhang kurz für einen Umbau nach unten – eine Pause gibt es nicht –, und der Abend wird mit Fahrenheit 451 fortgesetzt. Die Feuerwehr ist nicht mehr für die Bekämpfung von Bränden zuständig – sie legt im Gegenteil selbst Feuer, um sämtliche Bücher zu verbrennen. Die sind in der schönen neuen Welt, in der die Geschichte spielt, verboten. Doch dem Feuerwehrmann Guy Montag (Uwe Schmieder) kommen Zweifel an seinem Tun. Die werden durch die Bekanntschaft mit einem Mädchen, das Bücher liest (Bettina Lieder) und mehr noch durch den Feuertod einer Bücherfreundin (erneut Alexandra Sinelnikova) ausgelöst. Schließlich gelangt er zu einer Geheimgesellschaft, deren Mitglieder Bücher auswendig lernen, um sie auf diese Weise zu erhalten. Hier hat der Dortmunder Sprechchor, der zuvor auch schon kurz in dem Biedermann-Teil zu sehen gewesen ist, seinen Auftritt.
Uwe Schmieder agiert rund eine Dreiviertelstunde lang splitterfasernackt auf der Bühne. Dabei wird er mit (Theater-)Blut eingerieben, um zu demonstrieren, wie schuldig er ist.

Fantasielose Gesellschaft lässt sich berieseln

Gordon Kämmerer verzahnt den Biedermann-Part mit dem Fahrenheit-Teil, indem er die Biedermann-Familie auf riesigen Leinwänden einblendet. Sie dient nun dazu, die literatur- und fantasielose Gesellschaft, die hier durch Guy Montags Frau (Merle Wasmuth) verkörpert wird, auf einfältigste Weise zu unterhalten. Ein gelungener Kniff.
Der Fahrenheit-Teil besticht vor allem durch seine bombastischen Bilder – zum Beispiel wenn Feuerwehr-Captain Beatty (Björn Gabriel) als einschüchternde Riesen-Video-Projektion in der Szene, in der die Feuerwehr ein Bücherhaus samt Bewohnerin abfackelt, eingeblendet wird (Video: Tobias Hoeft).

Insgesamt ein Abend, für den man sich schnellstens Karten besorgen sollte.

Andreas Schröter

Lesen Sie unsere Rezension zu Gordon Kämmerers erster Inszenierung am Schauspiel Dortmund: Kasimir und Karoline

Lesen Sie unsere Rezension zur Inszenierung von Biedermann und die Brandstifter am Schauspielhaus Bochum Anfang 2017

Lesen Sie unsere Rezensionen zu Megastore-Inszenierungen, die nun am Schauspielhaus in der Innenstadt wieder aufgenommen werden:

Trump

Der Futurologische Kongress

Nach Manila

Geächtet (Disgraced)

Die Schwarze Flotte

Flammende Köpfe

hell / ein Augenblick

 

www.theaterdo.de