Violetta Valéry (Eleonore Marguerre) taumelt in düsterer
Kulisse dem Ende entgegen. Foto: Thomas Jauk/Stage Picture

Die Darstellerin der Hauptfigur, Eleonore Marguerre, sei ein wenig erkältet, hieß es zu Beginn der Wiederaufnahme von „La Traviata“ am Freitag im Opernhaus, das Publikum möge Verständnis haben. Doch dieses Verständnisses bedurfte es nicht. Eleonore Marguerre sang ihre Sopran-Koloraturen anscheinend vollkommen mühelos, souverän und schlicht wunderschön. Beim Schlussapplaus sprang das Publikum im vielleicht zur Hälfte besetzten Opernhaus geschlossen auf, als sie an den Bühnenrand trat. Und das vollkommen zu Recht.

Tina Laniks Inszenierung der berühmten Verdi-Oper (Libretto: Francesco Maria Piave) von 1853 hatte im November 2015 Premiere und steht nun also wieder auf dem Spielplan. Gottseidank möchte man hinzufügen, denn im Vergleich zu vielen anderen heute verstaubten Opernstoffen ist „La Traviata“ zeitlos, hat noch immer seine Gültigkeit. Es geht um Themen wie Oberflächlichkeit der Spaßgesellschaft, Doppelmoral und gesellschaftliche Tabus. Denn – und da kann man sicher sein – wenn heute ein Junge „aus gutem Hause“ seine Eltern mit dem Plan konfrontieren würde, ein ehemaliges Escort-Girl zu ehelichen, wären die mit einiger Wahrscheinlichkeit auch im Jahr 2017 „not amused“.

Im Vergleich zu anderen Inszenierungen legt Laniks Interpretation des Stoffes nicht das Schwergewicht auf den stetigen Abstieg der Figur Violetta Valéry (wie es so naheliegend wie oberflächlich wäre) – sie sieht sie bereits ab der ersten Szene als leidend und dem Tod geweiht. Das scheint ganz im Sinne Verdis zu sein, denn schon in der Ouvertüre, einem der berühmtesten Werke der klassischen Musik überhaupt, legt er mit transzendenten Streicherklängen dieses Todesmotiv an.

Herrlich klar und akzentuiert spielen die Dortmunder Philharmoniker unter dem Dirigat von Motonori Kobayashi die eingängige Verdi-Musik, die die Achterbahn-Fahrt der Emotionen in der Handlung so virtuos unterstreicht. Schön ist hier die Abwechslung. Jede Szene hat eine andere Stimmung. Hauptdarstellerin Eleonore Marguerre gelingt es auch schauspielerisch, den Wandel ihrer Figur glaubhaft über die Bühne zu bringen: von der feierfreudigen Kurtisane im ersten Akt zur Hausfrau im zweiten zur Todkranken im dritten.

Und weil der Stoff im Vergleich zu anderen Opern auch heute noch seine Relevanz hat, bedarf es keinerlei Verrenkungen beim Bühnenbild oder einer zweiten Erzähl-Ebenen, um das Publikum  zu erreichen. Zwar sind die Akteure nach heutiger Mode gekleidet, und es gibt moderne Sofas (Bühne und Kostüme: Stefan Hagemeier), aber diese Veränderungen zum Original sind angenehm dezent.

„La Traviata“ ist eine Oper, bei der die Hauptfigur Violetta alle anderen überstrahlt. Auch in der Dortmunder Inszenierung ist Eleonore Marguerre der Star, während Ilya Selivanov als junger Liebhaber Alfredo und Gerardo Garciacano als strenger Vater Giorgio zwar gefallen, aber nicht begeistern können. Übrigens – und das sagte Dramaturg Georg Holzer in der Einführung: Die Opernwelt funktioniert oft nach einem bestimmten Dreieck: Der Tenor will mit der Sopranistin ins Bett, während der Bariton das zu verhindern versucht. So auch hier. Einige sehenswert verruchte Auftritte als Pariser Halbwelt-Gesellschaft in sexy Dessous hat der Dortmunder Opernchor unter der Leitung von Manuel Pujol.

„La Traviata“ (deutsch: Die vom Wege Abgekommene) ist Teil drei von Giuseppe Verdis „Trilogia popolare“, zu der auch „Rigoletto“ und der „Troubadour“ zählen. Die Handlung beruht auf Alexandre Dumas‘ (dem Jüngeren) berühmten Roman „Die Kameliendame“. Dumas hatte darin offenbar seine Erfahrungen mit einer Pariser Halbweltdame namens Marie Duplessis verarbeitet, die mit 23 Jahren an einer Lungenkrankheit starb. Für Verdi, der in seinen 26 Opern viele Schiller- und Shakespeare-Stoffe verarbeitete und gerne Schauermärchen erzählte, ist „La Traviata“ ungewöhnlich, weil sich diese Oper einem zeitgemäßen Stoff zuwendet.

Tuberkulose ist nebenbei bemerkt die Krankheit, die auf Opernbühnen am häufigsten ausbricht. Das langsame Entschwinden einer Figur („Schwindsucht“) ist so ergreifend traurig-morbid und düster-romantisch.

Andreas Schröter