Internat

Szene aus Das Internat. Foto: Birgit Hupfeld

Was für ein starker Theaterabend! Mit seiner neuesten Produktion Das Internat, die Freitag Premiere hatte, macht das Schauspiel Dortmund seinem Ruf alle Ehre, zu den modernsten, innovativsten und experimentierfreudigsten Schauspielhäuser landauf und landab zu gehören.

Klaustrophobisches Internat

17 Jungen fristen in einem klaustrophobischen Internat ohne Lehrer ein düsteres, albtraumhaftes Dasein mit faschistoiden Strukturen. Ihre vollkommen freudlose Existenz läuft in strengen Ritualen immer gleich ab. Wenn sie essen, tun sie es synchron, wenn sie im Unterricht lernen, tun sie es, indem sie irgendwelche sinnentleerten Sprüche dutzendfach wiederholen. Sie schlafen in Schlafsälen mit viel zu kurzen Betten, und sie tragen alle dieselbe Uniform. Das heißt: alle – bis auf einen. Der muss nackt herumlaufen und wird bei Bedarf gedemütigt und geschlagen.

Wie im Ballett

Den Schauspielern fordert diese Produktion Fertigkeiten ab, die eher dem Ballett zuzuordnen sind und in einem streng choreographierten Bewegungsablauf bestehen. In der Einführung sagte Schauspielchef Kay Voges, es habe allein drei Wochen gedauert, ihnen das Rückwärtsgehen beizubringen. Sprechen müssen sie dagegen nicht. Auch zeigen sie keine Mimik. Ihre Gesichter sind ohnehin unter der dicken Schminke kaum zu erkennen. Im Programmheft steht, dass Merle Wasmuth, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Frank Genser und Uwe Rohbeck aus dem Ensemble mitmachen (zusammen mit einem Gast und zehn Studierenden des zweiten Jahrgangs der Folkwang Universität der Künste in Essen) – doch man muss sich sehr anstrengen, um die bekannten Gesichter in der Masse auszumachen.

Mädchenstimme aus dem Off

Im Stück hören einige wenige der Internats-Bewohner eine Mädchenstimme aus dem Off, die sie zur Revolution gegen die Machthaber in der strengen Hierarchie des Hauses auffordert. Die Gegenbewegung nimmt Fahrt auf. Doch was passiert, wenn sie Erfolg hat …?

Aber es geht bei diesem Stück nicht darum, alles zu verstehen. Es bleiben auch nach dem Ende Fragen wie „Wer ist das geheimnisvolle Mädchen? Wie kommt es in ein Jungen-Internat? Ist es ein Geist?“ Vielmehr geht es darum, den Abend als Gesamtkunstwerk auf sich wirken zu lassen. Und er strahlt eine düstere Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. Man starrt eineinhalb Stunden lang gebannt auf die (Dreh-)Bühne und ist einmal mehr verwundert darüber, aus welchen Facetten Theater im Jahr 2018 bestehen kann. Zu dem Gesamtkunstwerk trägt sicherlich sowohl die Musik von Tommy Finke (alias T.D. Finck von Finckenstein) als auch das opulente Bühnenbild bei, von dem Kay Voges sagt, es sei das aufwendigste, seit er Schauspielchef in Dortmund ist. Aus dem Off dringen manchmal undefinierbare Laute wie vielleicht von nachtaktiven Tieren. Als der eiserne Vorhang am Ende nach unten geht, dauert es mehrere Sekunden, bis der Applaus beginnt. Auch die Zuschauer müssen sich erst aus ihrer staunenden Erstarrung lösen.

Ersan Mondtag führt Regie

Die Texte zu diesem Abend haben Dramaturg Alexander Kerlin und Matthias Seier geschrieben, Regie führte Ersan Mondtag, einem 1987 in Berlin geborenen Deutschen, den das Fachmagazin Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres 2016 kürte. Schon zweimal wurde er zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Er steht für ein mächtiges zauberhaftes Bildertheater, dem man bei dieser Produktion auch noch „gruselig“ hinzufügen kann. Von Mondtag stammen auch die Kostüme und die Wahnsinns-Bühne, die sich viel dreht und mal Schlafsaal, mal Duschraum, mal Essensraum und noch einiges mehr ist.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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