Kirschgarten

Frank Genser und Friederike Tiefenbacher in Der Kirschgarten. Foto: Hupfeld

Laut, wild und unheimlich nah – das ist Anton Tschechows Der Kirschgarten von 1903 in der Inszenierung von Sascha Havemann am Schauspiel Dortmund. Premiere war Freitagabend im Studio.

Schaut man auf das Repertoire des Schauspiels der vergangenen Jahre, bilden solche über 100 Jahre alten Klassiker eher die Ausnahme. Man durfte also gespannt sein, wie das Team von Kay Voges dessen Sichtweise von modernem Theater mit einem solchen vielleicht heute doch etwas angestaubten Stoff, den man eher in einem biedereren Bildungsbürger-Theater vermuten würde, in Einklang bringen würde.

Große Intensität durch Nähe

Erster Kunstgriff ist, dieses Stück nicht im großen Haus zu spielen, sondern im kleinen Studio mit nur 80 Zuschauern. Die sitzen so nahe um einen Holzboden, auf dem sich das Geschehen abspielt, dass sie teilweise ihre Füße einziehen müssen, um nicht mit den Schauspielern in Körperkontakt zu kommen. Als Uwe Schmieder, der den alten Hausdiener Firs spielt, einmal einen Tisch voller Flaschen und Gläser umrennt, reißen die Zuschauer in unmittelbarer Nähe die Arme hoch – aus Sorge, sie könnten von irgendwas Umherfliegendem getroffen werden. Das schafft eine spannende und aufregende Intensität, die im großen Haus nicht möglich wäre. Man ist mitten drin im Geschehen.

Rote Vorhänge schaffen Hauch von Nostalgie

Für die Bühne ist Wolf Gutjahr zuständig. Eine schöne Idee ist es, sie rundum mit roten Vorhängen zu versehen, die Uwe Schmieder zu Beginn auf- und zur Pause wieder zuziehen kann. Das gibt der Inszenierung einen Hauch von schöner Nostalgie und Theaterpoesie, die zum Alter des Stücks passt.

Zweitens spielen die Schauspieler wieder mit einer solchen Hingabe und einem solchen Körpereinsatz, dass man einmal mehr aus dem Staunen nicht herauskommt – und das, obwohl sie das immer tun und man inzwischen eigentlich wissen sollte, wie es am Schauspiel Dortmund zugeht. Sie schreien, rennen, wälzen sich auf dem Boden, schaukeln an einem Seil quer über die Bühne und sauen sich mit eingemachten Kirschen ein. Es macht Spaß, diesem Treiben zuzusehen, und der Abend kommt einem nicht so lang vor, wie er tatsächlich ist: Zwei Stunden und 40 Minuten inklusive Pause.

Die leisen Zwischentöne kommen etwas zu kurz

Kehrseite der Medaille: Obwohl es in dieser Inszenierung auch die leisen, poetischen Bilder gibt – zum Beispiel wenn Uwe Schmieder ganz am Ende allein im Konfettiregen auf der Bühne steht – kommen insgesamt doch die Zwischentöne, das Psychologische, das in Tschechows Original vorhanden ist, in dem Getöse etwas zu kurz.

Kurz zur Handlung: Ljubow Andrejewka Ranjewskaja (Friederike Tiefenbacher) kommt nach fünfjähriger Abwesenheit zurück auf ihren Hof in Russland. Dort hat sich viel verändert. Ihr Bruder (Ekkehard Freye) hat das Geld verprasst, und ein Verkauf des Hofes inklusive Abholzung des geliebten Kirschgartens scheint unumgänglich. Der ehemalige Leibeigene Lopachin (Frank Genser), der zwischenzeitlich zu Geld gekommen ist, steht schon in den Startlöchern für den Kauf. Doch Ranjewskaja wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, was die Situation nicht unbedingt verbessert …

Kirschgarten ist ein Plädoyer für den Fortschritt

Tschechow war laut Internet-Lexikon Wikipedia liberal eingestellt und – als Arzt und Naturwissenschafter – überzeugt, dass technischer Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen eine positive Wirkung für die Menschen hätten. Seine Intention im Kirschgarten war es demnach, den Mythos von der guten alten Zeit satirisch zu demontieren. Ein Plädoyer für den Fortschritt also. Kleine Nebenbemerkung dazu: In der heutigen Zeit, in der die Rasanz des Fortschritts uns gelegentlich zu überrollen droht, würde man eine solche Haltung womöglich nicht mehr vorbehaltlos unterschreiben (und vielleicht stattdessen gemeinsam mit Ljubow Andrejewka Ranjewskaja eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Kirschgartens gründen).

Zur Lebensgemeinschaft auf dem russischen Hof gehören Adoptivtochter Warja (Bettina Lieder) mit scheiternden Heiratsplänen, der ewige Student Trofimov (Björn Gabriel), Tochter Anja (Merle Wasmuth), Gouvernante Charlotta (Caroline Hanke), Dunjascha (Marlena Keil) und der junge Lakai Jascha (Raafat Daboul). Für Live-Musik sorgt Alexander Xell Dafov, der auch schon in anderen Stücken zu sehen war, in denen Sascha Havemann Regie führte: Eine Familie (August: Osage County) und Furcht und Elend des Dritten Reiches. Für die Kostüme war Hildegard Altmeyer zuständig.

Andreas Schröter

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