Chris Nonnast und Ann-Kathrin Hinz
vor Gregors „Zimmer“. Foto: Hupfeld

Ach, ist das schön, dass die Theatersaison wieder losgeht. Man hatte nach über drei Monaten ja schon Entzugserscheinungen. Den Anfang machte am Freitag die KJT-Premiere „Die Verwandlung“ nach der berühmten Erzählung von Franz Kafka. Und – um es gleich vorweg zu sagen – es handelt sich um eine gelungene Premiere.

Mit einem Trick gelingt es Regisseurin Antje Siebers zusätzliche Spannung in die ohnehin schon interessante Handlung zu bringen. Sie setzt den armen Gregor Samsa (Philip Pelzer), der sich in ein Insekt verwandelt hat, in einen großen Kasten aus Pappe, der die Bühne dominiert (Bühne und Kostüme: Oliver Kostecka). Der hat zwar auf einer Seite einen Gazevorhang und auch noch ein paar andere Gucklöcher auf den anderen Seiten – aber so richtig hineingucken kann man von den Zuschauerplätzen aus nicht. Die Akteure auf der Bühne drehen diesen Kasten mehrfach um die eigene Achse, und als Zuschauer verrenkt man sich permanent den Hals, um vielleicht doch mal einen voyeuristischen Blick auf den verunstalteten Gregor zu erhaschen. Es sei an dieser Stelle nicht verraten, ob man ihn im Verlauf des Stücks noch zu Gesicht bekommt oder nicht.

Es macht ganz einfach Spaß, Ann-Kathrin Hinz, Chris Nonnast und Andreas Ksienzyk als Gregors Familie zu beobachten, wie sie versucht, mit der neuen Situation fertigzuwerden, während aus dem Pappkasten höchst fremdartige Insektenlaute dringen. Schöne Auftritte haben auch Rainer Kleinespel als strenger Prokurist, der Gregor vergeblich versucht, aus seinem Zimmer zu holen, und Thorsten Schmidt als hochnäsiges Dienstmädchen, das nicht viel vom Arbeiten hält – und zugleich als Erzählerin fungiert.

Deutschkurse in der Oberstufe sollten dieses Stück besuchen, denn der Stoff wirkt trotz seines Alters von über 100 Jahren hochaktuell. Da ist jemand, der ganz offensichtlich eine Art Burnout hat und dessen Persönlichkeit sich quasi im Hamsterrad des Jobs verloren hat. Als er sich außerstande sieht, seinen beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen, verliert er für seine Familie mehr und mehr an Wert. Den hatte er zuvor nur als Ernährer. Auf die Idee, mit ihm zu sprechen und ihm etwas Zuneigung zu schenken, kommt nur Schwester Grete – und das auch nur zu Anfang. Später ist sie es, die sagt: „Das Insekt muss weg.“ Diese Entwicklung wird noch befeuert, als Gregor drei (herrlich blasierte) Herren (Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk, Thorsten Schmidt in Doppelrollen) vergrault, die zwischenzeitlich im Hause Samsa zur Untermiete eingezogen sind.

Insgesamt ein unterhaltsamer Theaterabend – nicht nur für Jugendliche. Vielleicht sollte man das KJT in „Kinder-, Jugend- und Erwachsenentheater“ umbenennen.

Andreas Schröter