Onegin

Emily Newton, Luke Stoker und Simon Mechlinsky in Eugen Onegin. Foto: Björn Hickmann

Große Gefühle und russische Schwermut: Tschaikowskys Dreiakter Eugen Onegin hatte Samstag gefeierte Premiere im Opernhaus.

Regisseurin Tina Lanik, deren Inszenierung von Verdis La Traviata ebenfalls in dieser Spielzeit an der Dortmunder Oper zu sehen ist, hat sich für einen riesigen, auf einer Seite offenen Würfel als Bühnenbild entschieden – die typische Guckkastenbühne (Bühne: Jens Kilian). In ihr lassen sich die Beengtheit der ländlichen Idylle, in der Tatjana (Emily Newton) aufwächst, ebenso gut darstellen wie die Intimität ihres Zimmers, in dem sie sich in einen Liebesrausch für den Neuankömmling Eugen Onegin (Simon Mechlinski) hineinsteigert.

Keine Schwarz-Weiß-Malerei

Schön an diesem ersten Akt mit viel Landleben ist, dass es keinerlei Schwarz-Weiß-Malerei gibt: Auch wenn Eugen Onegin von Anfang an keine sympathische Figur ist, hat man doch ein gewisses Verständnis für ihn, als er das haltlose, völlig überzogene und naive Werben Tatjanas abweist. Ebenso verhält es sich mit der ländlichen Idylle: Wenn die Damen auf Tatjanas Gutshof melancholisch singen „Der Himmel hat uns die Gewohnheit als Ersatz für das Glück gegeben“ ist man zwar verdammt froh, nicht in einer solchen Gesellschaft leben zu müssen – andererseits haben das unbekümmerte Federballspiel und die Apfelernte durchaus Reize, auf die man in (Großstadt-)Stress-Zeiten gelegentlich neidisch werden könnte. In dieser Federball-/Apfelszene – wie auch in anderen Szenen – kommt der Opernchor unter der Leitung von Manuel Pujol gut zur Geltung.

Ein vermaledeiter Brief an Eugen Onegin

Als Tatjana auf ihrem Zimmer den vermaledeiten Liebesbrief an Eugen Onegin schreibt, ändert sich das Bild, das die Zuschauer von ihr als brillentragendes, lesendes, unscheinbares und auf einem Bücherstapel hockendes Bauernmädchen aus der allerersten Szene haben. Jetzt kommt Sex ins Spiel. Tatjana will Onegin. Emily Newton gelingt diese Wandlung, indem sie den Zuschauern tiefe Einblicke in ihr üppiges Dekolleté gewährt. Vor allem den Männern im Publikum dürfte das gefallen haben.

Überflüssiger zweiter Akt mit interessanter Schatten-Optik

Der zweite Akt mit dem Duell zwischen Lenski (Thomas Paul) und Eugen Onegin ist für die Liebesgeschichte der beiden Hauptfiguren im Grunde entbehrlich, bringt aber Action in den insgesamt etwas handlungsarmen Stoff. Sehr dramatisch und eindrucksvoll wirken hier riesige Schatten der beiden Duellanten auf dem Backdrop im Bühnenhintergrund.

Dritter Akt ist Spiegelung des ersten

Der dritte Akt, der viele Jahre nach dem ersten und zweiten spielt, ist eine Spiegelung des ersten Aktes. Der Würfel hat sich in einen durchsichtigen Glaskasten verwandelt, in dessen Innerem die feinere Gesellschaft, zu der Tatjana jetzt gehört, Sekt schlürft. Ein wunderschönes Oldtimer-Cabrio (ein Ford Mercury Komet) ist hier der Blickfang. Wie schon im ersten Akt dringt Eugen Onegin in eine in sich ruhende geschlossene Gesellschaft ein – nur dass er es diesmal nicht als arroganter Schnösel tut, der sich gegenüber den Dorfdeppen überlegen fühlt, sondern als ein Gefallener, der nun unbedingt zu dieser Gesellschaft gehören möchte. Wenn Onegin von außen durch die Glasscheiben in den Würfel schaut, versinnbildlicht das sehr augenscheinlich und gelungen seine Stellung als Außenseiter.

Ein attraktiver Fürst

Es gibt weibliche Zuschauer, die angesichts des sehr attraktiven Fürsten Gremin (Luke Stoker) kein Verständnis mehr für Tatjana haben, dass sie in diesem Akt immer noch Gefühle für Onegin hegt. Ein (kleines) Problem der Rollenbesetzung?

Wunderschöne Musik wunderschön gespielt

Tschaikowsky, der sein Werk übrigens nicht „Oper“, sondern „Lyrische Szenen“ genannt hat, hat für diese Handlung eine ergreifende, warme, in Tanzszenen gelegentlich auch fröhliche – schlicht wunderschöne – Musik geschrieben, die das Geschehen perfekt unterstreicht. Es muss nicht mehr gesagt werden – weil es mittlerweile fast selbstverständlich geworden ist –, dass die Dortmunder Philharmoniker im Orchestergraben diese Musik unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz sehr gekonnt spielen.

Stimmliche Höhepunkte

Stimmlich begeistert einmal mehr Emily Newton, gefolgt von Thomas Paul und Simon Mechlinski. In weiteren Rollen sind Almerija Delic (als Gutsherrin), Ileana Mateescu (als Tatjanas Schwester Olga), Judith Christ (als Amme Filipjewna) und Fritz Steinbacher (als Triquet) zu sehen und hören.

Am Rande

Es ist schade, dass das Opernhaus zur Premiere nur zu vielleicht drei Vierteln gefüllt war. Meist lässt so etwas nichts Gutes für die weiteren Aufführungen ahnen. Dabei ist diese Inszenierung durchaus gelungen, und Opernfans sollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Ein Manko gibt es allerdings doch: Im Opernfoyer war es am Samstagabend schlicht verdammt kalt, was den Pausengenuss bei einem Sekt oder Bier deutlich schmälerte.

Andreas Schröter

Weitere Aufführungen: www.theaterdo.de

Lesen Sie auch die Rezension des Dortmunder Kulturblogs zu La Traviata

Siehe auch hier und hier