Orlando

Szene aus Orlando mit Marlena Keil und Friederike Tiefenbacher. Foto: Birgit Hupfeld

Das dreiteilige Premieren-Wochenende im Theater Dortmund ging am Sonntagabend mit einer weiteren Produktion zu Ende, die die Zuschauer im Schauspielstudio begeistert aufnahmen: Orlando nach Virginia Woolf unter der Regie von Laura N. Junghanns.

Die drei Schauspieler Friederike Tiefenbacher, Marlena Keil und Ekkehard Freye schlüpfen dabei in unterschiedliche Rollen und nähern sich so auf einer Erzählebene Woolfs Roman Orlando – und auf der anderen dem nicht immer glücklichen Leben der lesbischen oder zumindest bisexuellen Autorin und ihrer Liebe zu Vita Sackville-West.

Liebesbriefe

Schon beim Einlass lesen Friederike Tiefenbacher und Marlena Keil aus den leidenschaftlichen Liebesbriefen, die sich die beiden Frauen zwischen 1926 und 1928 geschrieben haben, wobei sie leicht erhöht an einem Schreibtisch mit Schreibmaschine sitzen, wie es sich als Arbeitsplatz für eine Schriftstellerin denken ließe. Seitlich davon stehen die beiden Musiker von AniYo kore, die das Stück mit Musik oder einfachen Lauten begleiten. Der gesamte Raum ist von Lichtschläuchen durchzogen, die ihre Farbe wechseln, bei Bedarf das Studio in zuckendes Diskolicht oder auch in die Farben des Regenbogens – also der Gay-Fahne – tauchen können.

Wechsel der Geschlechter

Der Abend ist durchzogen von dem Wechsel der beiden Geschlechter und der Suche nach etwas irgendwo in der Mitte, das aber zu Zeiten Virginia Woolfs noch keine gesellschaftliche Akzeptanz hatte. Die Romanfigur Orlando ist bekanntlich jemand, der mehrere hundert Jahre alt wird und zwischendurch vom Mann zur Frau mutiert. Virgina Woolf hat den Roman als eine Art fiktive Biographie ihrer Geliebten Sackville-West gesehen. Auch die anfangs zitierten Briefe zwischen Woolf und ihrer Geliebten bleiben Bestandteil der ganzen Inszenierung.

Überzeugende Schauspieler

Wir sehen Ekkehard Freye als herrlich ausstaffierte englische Dame im viktorianischen Stil und erfreuen uns einmal mehr an der unglaublichen Wucht und Bühnenpräsenz, mit der Marlena Keil ihre Rollen angeht. Und Friederike Tiefenbacher beweist erneut ihre enorme Vielseitigkeit, wenn sie zwischendurch den berühmten, aber mittellosen Autor Nick Green darstellt, den Orlando trifft. Auch der Humor erhält bei solchen und anderen Szene seinen Anteil an dieser Inszenierung.

Bezug zum Attentat in Orlando, Florida

Am Ende versucht die Produktion noch einen Bezug zu dem Attentat in Orlando, Florida, am 12. Juni 2016 herzustellen, bei dem ein homophober Heckenschütze die Besucher eines Lokals beschossen hat, in dem vorwiegend Homosexuelle verkehren. Das jedoch wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen – alles andere bildet einen überzeugenden Theaterabend.

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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