Szene aus „Die Schwarze Flotte“
mit Andreas Beck.  Foto: Hupfeld

Für seine neueste Produktion „Die Schwarze Flotte“, die am Sonntag umjubelte Premiere im Megastore hatte, hat das Schauspiel Dortmund erneut mit dem gemeinnützigen Rechercheverbund Correctiv zusammengearbeitet. Das war bereits 2015 bei der Comic-Ausstellung über Neonazis, „Weisse Wölfe“, der Fall. Die Verbindung ist ein Gewinn für beide Seiten.


Correctiv ist auf der Suche nach Möglichkeiten, seine Inhalte über andere Wege als die klassischen Medien zu verbreiten, wie Leiter David Schraven vor einiger Zeit erläuterte, – zum Beispiel über ein Theaterstück –, und das Schauspiel Dortmund beweist damit (einmal mehr), dass es nicht in einem versponnenen Elfenbeinturm lebt (obwohl auch das gelegentlich seinen Reiz hat), sondern die Probleme unserer Zeit aufgreift.

In „Die Schwarze Flotte“ unter der Regie von Schauspielchef Kay Voges geht es um die uralten Schifffahrtsrouten im Mittelmeer, die heute für den Handel mit Drogen und Waffen sowie für den Transport von Flüchtlingen genutzt werden. In einem über 100-minütigen Monolog legt Schauspieler Andreas Beck dar, dass es für Reedereien mehr Geld einbringt, einen schrottreifen Frachter mit Flüchtlingen zu beladen, als ihn zum Verschrotten nach Indien zu bringen. Ob ein solches Schiff dann noch seetüchtig genug ist, eine solche Reise zu überstehen, ist aus Sicht der Reeder egal, denn die Flüchtlinge haben ja schon bezahlt. Das ist bei Waffen oder Drogen anders. Beck beschreibt den langen von vielen Rückschlägen durchzogenen Rechercheweg der Journalisten, die schließlich beweisen, dass die Reederfamilien, die mit Drogen, Waffen und Flüchtlingen das meiste Geld verdienen, allesamt aus dem Umfeld des syrischen Diktators Assad stammen. Verdient etwa Assad selbst an der Flucht der Menschen aus seinem Land? Es geht auch um den Bundessicherheitsrat, der die Augen schließt, wenn deutsche Firmen Waffen in Krisengebiete liefern. Beck fragt: Dürfen wir eigentlich Flüchtlinge abweisen, wenn wir mit unseren Waffen selbst dafür sorgen, dass in den Krisengebieten dieser Welt weiter Krieg geführt werden kann?

Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz hat aus den Correctiv-Rechercheergebnissen ein Stück geschrieben, und weil wir im Theater sind und nicht in den Tagesthemen, ist das mit allerlei theatralen Gags aufpoliert: Ein Bowlingkugel wird auf den Bühnen-Hintergrund projiziert – sie symbolisiert (auf etwas fragwürdige Weise) den manchmal kurvenreichen Weg des Journalisten ins Ziel – es gibt sich drehende und leuchtende Globen, jede Menge Monitore, Laptops und sogar einen alten Videorekorder, dessen Bild wiederum auf der Rückwand gezeigt wird. Sogar Han Solo und sein Gefährte Chewbacca aus Star Wars kommen vor (vielleicht sogar etwas zu oft).

Trotz dieser netten Gimmicks: Wer in dieses Stück geht, weiß, dass er sich diesmal nicht wohlig im Sessel zurücklehnen und auf zwei Stunden angenehm unterhaltenden Theaterzauber hoffen kann. Hier geht es um knallharte Fakten, um Politik und um weltweit agierende Netzwerke, die an dem Elend der Menschen Unmengen an Geld verdienen. Da kann einem als Zuschauer durchaus der Atem stocken.

Schauspieler Andreas Beck liefert an diesem Abend eine grandiose Leistung ab. Für seinen Monolog braucht er weder die Souffleuse, noch zeigt er irgendwelche anderen Unsicherheiten oder einen Abfall seiner immensen Bühnenpräsenz. Und ganz am Ende geht’s noch mal um ein Motiv vom Anfang des Abends – um die Urzeitfrau Lucy, eine Vertreterin der Spezies australopithecus afarensis, die als Beginn der Menschheit gilt. Beck sagt: „Es wird Zeit, dass wir wieder davon Gebrauch machen, was Lucy ausgezeichnet hat: den aufrechten Gang.“ Das sitzt. Schluss, Licht an, tosender Applaus.

Andreas Schröter