Szene aus „Der Futurologische Kongress“ mit
Friederike Tiefenbacher, Frank Genser und
T.D. Finck von Finckenstein. Foto: Hupfeld

Für das Schauspiel Dortmund neigt sich die Zeit im Ausweichquartier Megastore dem Ende entgegen. Sonntag stand mit „Der Futurologische Kongress“ die letzte Premiere auf dem Spielplan. Weiter geht’s erst im Dezember am alten Standort in der City.

Diese letzte Produktion in Hörde ist die Adaption eines Stanislaw-Lem-Romans aus dem Jahre 1971 und dürfte all jenen gefallen, die auch schon „Die Möglichkeit einer Insel“ von vor zwei Jahren mochten. 

In beiden Fällen hat das Schauspiel mit der Medienkünstler-Gruppe Sputnic um Nils Voges, Bruder des Schauspielchefs Kay Voges, zusammengearbeitet. Deren Spezialität sind Animationsfilme, die live vor Publikum entstehen. Die Schauspieler Friederike Tiefenbacher, Marlena Keil, Uwe Schmieder und Frank Genser legen vorgefertigte Bild-Platten auf einen Tisch und filmen sie ab. Meist haben diese Platten – 140 gibt es davon – eine eingebaute Mechanik, mit der sich Münder oder Arme der gezeichneten Figuren bewegen lassen. Auf diese Weise kommt Leben in die Bilder. Gesprochen werden die Figuren live von den Schauspielern. Modelle eines Flugzeugs, des Hilton-Hotels oder der Raumstation ISS ergänzen das Ganze. Geht man mit der Kamera nah genug heran, entsteht auf der Leinwand durchaus zum Beispiel der Eindruck, ein Astronaut schwebe durchs All. Musiker T.D. Finck von Finckenstein – also der Musikalische Leiter am Schauspiel Dortmund, Tommy Finke – steht ebenfalls auf der Bühne und sorgt für den richtigen Live-Soundtrack. Das alles ist sehr originell, und das Zuschauen macht ganz einfach Spaß.

Der Reiz liegt darin, gleichzeitig sowohl die trickreiche Entstehung als auch den fertigen Film betrachten zu können. Für die vier Schauspieler dagegen muss es eine schier unglaubliche Konzentrationsleistung erfordern, gleichzeitig zu schauspielern, die richtigen Bilder aufzulegen und die Kameras zu bedienen. Ein Sonderlob gebührt hier Frank Genser, der erst vier Tage vor der Premiere für den erkrankten Carlos Lobo eingesprungen ist. Kleiner, aber verschmerzbarer Wermutstropfen: Gensers gezeichnetes Pendant entspricht noch dem Aussehen von Carlos Lobo.

Inhaltlich hat Stanislaw Lem in „Der Futurologische Kongress“ Fragen aufgeworfen, die ein paar Jahre später im Kino-Blockbuster „Matrix“ mit Keanu Reeves für noch mehr Furore gesorgt haben: Ist alles, was wir um uns herum sehen, nur Schein? Und was ist eigentlich die Wirklichkeit? Astronaut Ijon Tichy und sein Kumpel, Professor Trottelreiner, geraten auf der Erde in einen gewalttätigen Aufstand. Doch schon längst sind die Grenzen zwischen Sein und Schein verwischt – und lassen sich kaum noch wiederherstellen. Stanislaw Lem, der gemeinhin als Science-Fiction-Autor gilt, hat in seinen Romanen auch soziologische und gesellschaftskritische Fragestellungen aufgeworfen.

Anders als in „Die Möglichkeit einer Insel“ verlassen die Schauspieler etwa in der Mitte des Stücks die Animationsfilm-Ebene und agieren zwischendurch in traditioneller Manier auf der Bühne. Hier können einmal mehr Marlena Keil und Uwe Schmieder durch ihr intensives Spiel überzeugen. Insgesamt ein gelungener Abschluss im Megastore.

www.theaterdo.de

Andreas Schröter