Die per Videotechnik aufs Bühnenbild projizierten Flaggen
der Herkunftsländer der Protagonisten verdeutlichen die
unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen.
Foto: Hupfeld

Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück „Geächtet (Disgraced)“ von Ayad Akhtar ist momentan eines der weltweit meistgespielten. Kein Wunder, greift es doch Themen auf, die in Zeiten massiv erhöhter Flüchtlingsbewegungen und in einer Welt der sich mehr und mehr vermischenden Religionen und Weltanschauungen höchst aktuell sind. Welche Vorurteile haben die Vertreter aus östlichen und westlichen Kulturkreisen den jeweils anderen gegenüber? Und sind das nur Klischees oder steckt in ihnen auch ein Körnchen Wahrheit? Ist es möglich, sich von seiner eigenen Religion komplett loszusagen, oder schlummert die eigene Herkunft immer als ein (manchmal versteckter) Rest, der aber jederzeit hervorbrechen kann, in den Menschen?

Auch das Schauspiel Dortmund hat sich unter der Regie von Kay Voges diesem Stoff angenommen. Premiere war am Samstag im Megastore in Hörde.

Was schon beim Einlass auffällt, ist die schrille, an ein Comic erinnernde Optik. Hauptfigur Amir (Carlos Lobo) sitzt weiß geschminkt und angetan mit roten Kontaktlinsen, weißer Perücke und pastellrosafarbenem Anzug auf einem Schemel. Optisch grell überzeichnet sind auch die anderen Figuren: Amirs Frau Emily (Bettina Lieder), eine aufstrebende Malerin mit Faible für den Islam, der jüdische Galerist Isaac (Frank Genser) und seine Frau Jory (Merle Wasmuth), die zugleich Arbeitskollegin Amirs in einer New Yorker Anwaltskanzlei ist.

Amir, der aus Pakistan stammt, hat sich im Westen durchgesetzt. Er ist kurz davor, Teilhaber in besagter Kanzlei zu werden. Mit dem Islam hat er nur noch wenig am Hut. Doch als Amir unter Alkoholeinfluss bei einem Abendessen mit einem befreundeten Paar zugibt, am 11. September 2001 auch so etwas wie Stolz empfunden zu haben, bekommt die Fassade Risse. Die verstärken sich, als herauskommt, dass nicht Amir Teilhaber der Kanzlei wird sondern Jory, obwohl sie erst viel kürzer als Amir zum Team gehört. Die Situation eskaliert …

Voges arbeitet mit den für ihn typischen Stilmitteln wie Wiederholungen, viel Musik (von Tommy Finke), kleinen Tanzchoreographien und Video-Art (Mario Simon). Ich frage mich, ob es dieser theatralen Mittel und der vielen grotesken optischen Überzeichnungen wirklich in diesem Maße bedurft hätte, denn eigentlich ist der Stoff an sich schon interessant genug. Sicher, Theater muss unterhalten, aber andererseits lenkt das sehr dominante Beiwerk auch vom Inhalt ab. Der ist übrigens durchaus diskutabel. Einige Zuschauer murmeln beim Rausgehen etwas von „klischeehaft“ und „platt“. Ich bin nicht sicher, ob ich dem zustimmen kann. Westöstliche Klischees sind ja gerade eines der Themen des Abends. Da kommt man nicht umhin, sie auch zu benennen und darzustellen.

Hervorragend sind wie immer im Schauspiel Dortmund die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten. Dazu gehört auch Merlin Sandmeyer, der in einer Nebenrolle als Neffe Amirs seine Fitness und Gelenkigkeit unter Beweis stellt.

Dennoch insgesamt ein Abend, der mich mit zwiespältigen Gefühlen zurücklässt.

Näheres unter www.theaterdo.de

Andreas Schröter