Schwab

Ekelszene im Stück „Übergewicht, unwichtig: Unform“ von Werner Schwab mit Christian Freund, Andreas Beck, Marlena Keil, Frank Genser, Amelie Barth und Uwe Rohbeck. Foto: Hupfeld

Nur einen Tag nach der gefeierten Wiedereröffnung des Schauspielhauses mit „Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451“ hatte auch das kleinere Studio seinen Neustart: mit der Premiere der Groteske „Übergewicht, unwichtig: Unform“ (Regie: Johannes Lepper), einem Stück des 1994 gestorbenen österreichischen Autors Werner Schwab.

An diesem Abend dürften vor allem jene Theatergänger ihre Freude haben, die es derbe mögen. Wer dagegen weniger Spaß daran hat zu sehen, wie die Schauspieler zum Beispiel halb Gegessenes wieder auswürgen, so tun, als hätten sie kräftigen Stuhlgang oder sich gegenseitig die Füße lecken, der sollte sich lieber Karten für ein anderes Stück kaufen. Die hier genannten Beispiele sind übrigens bei Weitem nicht das Heftigste, was die Zuschauer erwartet. Aber um nicht den einen wirklich extremen Schockmoment dieser Inszenierung vorwegzunehmen, sei hier noch nicht mehr verraten.

In einer heruntergekommenen Vorstadt-Kneipe

Wir kommen in eine heruntergekommene Kneipe mit Madonna-Figur auf dem Tresen und Riesen-Gemälde an der Wand, das eine Szene auf einem Schlachtfeld zeigt. Solche Kneipen gibt’s wohl in den weniger betuchten Gegenden einer jeden Stadt. Die Gäste finden sich hier vermutlich jeden Abend ein und labern allerlei Blödsinn. Da ist zum Beispiel Herr Schweindi (Andreas Beck), der unglaublich gerne Brot isst – und es an diesem Abend auch ausgiebig tut – mit seiner Frau Hasi (Marlena Keil), die sich sehnlichst ein Kind wünscht. Leider jedoch ist Herr Schweindi impotent, was ausgiebig erörtert wird. Genauso wie die Vorzüge von Brot. Da ist der zur Gewalt neigende Karli (Frank Genser) – er lebt seine Neigungen auch ausgiebig aus – mit seiner Frau Herta (Friederike Tiefenbacher). Da ist Jürgen (Uwe Rohbeck), ein Lehrer, der gerne langatmige philosophische Vorträge hält, und Fotzi (Christian Freund), ein Homosexueller mit ausschließlich Sex im Kopf. Und hinterm Tresen regiert die Wirtin (Amelie Barth). Wäre man selbst zufällig in eine solche Kneipe geraten, würden einen umgehend heftigste Fluchtgedanken ereilen.

Zwei Gäste der gehobenen Gesellschaft kommen

Irritiert wird diese eingespielte Gemeinschaft durch zwei neue Gäste (Edith Voges Nana Tchuinang und Raafat Daboul), die gut gekleidet sind, Sekt statt Bier bestellen, sich offenbar gern haben und nicht weiter auf die anderen Gäste achten. Damit kommen Letztere schlecht klar und das Geschehen eskaliert …

Am Ende des Stücks wiederholt sich der Anfang – nur dass die beiden Neuankömmlinge sich diesmal nicht passiv verhalten, sondern alles ausgiebig mit dem Handy filmen und unter großem Gelächter einen Magenbitter und Gulasch bestellen. Offenbar haben sie als Touristenattraktion nach genau so einer Milieukneipe gesucht. Diesmal eskaliert die Situation nicht, die Kneipengäste fühlen sich interessanterweise auch keineswegs beleidigt oder zur Schau gestellt – im Gegenteil: Karli versucht sogar, die Gäste mit seinem verqueren Gesang zu unterhalten.

Die Kunstsprache des Werner Schwab

Werner Schwab hat für seine Stücke eine Art Kunstsprache entwickelt, das „Schwabisch“. Zum Beispiel sagt Fotzi zu Herrn Schweindi: „Gib mir ein Geld für die Musikbox“. Das ist zuweilen ganz witzig. Allerdings wird in diesem Stück generell sehr viel geredet, was auch ermüdend sein kann.

Man könnte nun lange darüber philosophieren, was das Ganze eigentlich aussagen soll – zum Beispiel über das Verhältnis von Underdogs zur feineren Gesellschaft und warum sich Erstere offenbar stärker beleidigt fühlen, wenn sie ignoriert statt als Touristenattraktion begafft werden. Ober man könnte überlegen, wie es sich eigentlich mit den religiösen Anspielungen verhält. Schließlich heißt das Stück im Untertitel „Ein europäisches Abendmahl“. Auch könnte man sich fragen, warum die beiden Neuankömmlinge mit ausländischen Schauspielern besetzt wurden und ob das eine Anspielung auf das Verhältnis von Deutschen zu Migranten oder Flüchtlingen sein soll. Man kann solche Überlegungen aber auch ganz einfach lassen, denn nach ein paar Tagen bleiben den Zuschauern schätzungsweise ohnehin nur die Ekelszenen im Kopf hängen.

Herausragende Schauspieler-Leistung

Herausragend ist einmal mehr die Leistung der Schauspieler. Obwohl man es von ihnen schon kennt, ist man jedes Mal aufs Neue überrascht, mit welchem unglaublichen auch körperlichen Einsatz die Akteure in Dortmund zu Werke geht. Man sollte jungen Menschen, die gerne Schauspieler werden wollen, dieses Stück zeigen und erst, wenn sie diesen Beruf danach immer noch ergreifen wollen, sie weiter fördern.

Mein Tipp: Lieber Karten für eines der vielen guten anderen Stücke am Schauspiel Dortmund kaufen.

Sympathisch nach dem Schlussapplaus: Schauspielchef Kay Voges ehrt Ralf „Ralle“ Kubik, der seit 25 Jahren als Inspizient am Schauspiel Dortmund tätig ist.

Andreas Schröter

Lesen Sie auch die Rezension des Dortmunder Kulturblogs zu Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451

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