"Rachmaninow I Tschaikowsky"

Szene aus der Teil 1 zum 3. Klavierkonzert von Rachmaninow. Foto: Theater Dortmund

Zunächst betritt nur ein einzelner Tänzer die Bühne – im hautengen blauen Ganzkörperanzug mit blau geschminktem Gesicht. Nach und nach kommen weitere ebenso ausstaffierte Akteure hinzu. Die Dortmunder Ballett-Compagnie sieht ein bisschen aus wie die berühmte Blue Man Group. Bis auf das unvermeidliche Husten im Publikum ist es still. Die Tänzer führen eine Performance ohne Musik auf. Erst nach etwa fünf Minuten schreitet Pianist Nikolai Tokarev zum Flügel auf der linken Bühnenseite, und die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz im Orchestergraben beginnen das 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow zu spielen. So startet die neueste Ballett-Choreographie unter dem Titel „Rachmaninow I Tschaikowsky“ von Ballettchef Xin Peng Wang. Umjubelte Premiere war am Samstag im Opernhaus.

Im Gegensatz zu den großen Handlungsballetts der vorigen Spielzeiten – „Faust I“, „Faust II“ oder auch „Krieg und Frieden“ vor ein paar Jahren – ist diesmal keine Handlung zu erkennen. Vielmehr geht es (wieder) um das ursprünglichste Anliegen von Tanz: Musik in Bewegung umzusetzen. Im Gegensatz zu anderen Choreographieren agieren die Tänzer hier als entindividualisierte Masse. Sie müssen als Ganzes, als ein zusammengeschweißter Tanzkörper, als „corps de ballet“ funktionieren. Das erfordert ein Höchstmaß an Synchronität. Man glaubt förmlich zu sehen, wieviel Probenarbeit in dieser Choreographie stecken muss. Lohn sind wunderschöne abstrakte Bilder, die auf der Bühne entstehen. Die hat im Hintergrund eine Art Rampe, die die Tänzer gelegentlich erklimmen oder auch auf ihr hinunterrutschen. Einige solistische Parts gibt’s trotz des Einheits-Outfits: Denise Chiarioni und Giacomo Altovino wissen hier zu gefallen.

"Rachmaninow I Tshaikowsky"

Marlon Dino und Lucia Lacarra in dem Part über Tschaikowskys 6. Symphonie. Foto: Theater Dortmund

Der zweite Teil des Abends widmet sich nach der Pause der 6. Symphonie von Peter Tschaikowsky. Die Rampe ist weg, dafür gibt es zwei riesige abstrakte Objekte, die über der Bühne schweben. Sie sehen aus wie gigantische Salzkristalle oder Mineralien. Auch die blauen Ganzkörperanzüge und die Gesichtsschminke der Tänzer sind weg. Sie sind wieder als Individuen zu erkennen. Besonders anmutig wirken in diesem Teil des Abends die Soli von Lucia Lacarra und Marlon Dino. Einen langen Zwischenapplaus erhält die Compagnie am Ende des dritten Satzes für eine sehr gelungene tänzerische Umsetzung der rauschhaften Musik Tschaikowskys. Xin Peng Wang arbeitet in diesem zweiten Teil auch mit abstrakten Bildeinblendungen.

Starke Bilder

Fazit: „Rachmaninow I Tschaikowsky“ ist ein bisschen anders als die Choreographien Xin Peng Wangs der vorigen Spielzeiten. Zwar wollen uns die Texte von Dramaturg Christian Baier im Programmheft weismachen, es gehe um das Verhältnis von Kunst und Leben – doch ist dies am Bühnengeschehen kaum abzulesen. Macht aber nichts, denn als Ersatz erhalten die Zuschauer starke Bilder, wunderbare Musik aus dem Orchestergraben und tänzerisches Können auf Topniveau.

Andreas Schröter

Theater Dortmund

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